Durkheim (1858 – 1917)
Durkheim
4. Welche Spezifika
seines Werkes machen Durkheim zu einem wichtigen Einflussgeber der
anthropologischen (bzw. sozialwissenschaftlichen) Theorienbildung des
20. Jahrhunderts? Worin bestehen die Neuerungen im Denken Durkheims,
die spätere Forschungsrichtungen inspirierten?
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Emile Durkheim (1858 – 1917)
wurde als Sohn eines Rabbiners in Épinal (Lothringen) geboren.
Allerdings kehrte er dem Judentum schon
in der Jugend den Rücken zu und erfuhr eine höhere
Schulausblidung in Paris[1]. Nach einer
normalen Studentenlaufbahn unterrichtete er eine Weile Philosophie
und gründete 1887 den ersten soziologischen Lehrstuhl
Frankreichs an der Universität in Bordeaux [2].1898
gründete er und seine jüngen Schüler die „Année
Sociologique“, ein Magazin, dass schnell großen
Einfluss erlangte [2]. 1902 nahm er
seine Lehrtätigkeit an der Pariser Universität Sorbonne
auf, wo er 1906 einen Lehrstuhl für Erziehungswissenschaft
erhielt, der 1913 in „Erziehungswissenschaft und
Soziologie“ umbenannt wurde und den bis zu seinem Tod
im Jahre 1917 innehielt[3].
Jedoch reichte es Emile Durkheim nicht
seinen Lebensunterhalt nur vom Unterrichten zu verdienen, er stellte
sich vielmehr der Herausforderung aus der Soziologie ein
universitäres Lehrfach zu machen und ihm eine
Daseinsberechtigung zu verschaffen. Trotz viel Kritik ging seine
Rechung völlig auf und er hatte großen Einfluss auf die
Entwicklung der Soziologie sowie auf die der Anthropologie. Dabei
beschrenkte er sich nicht auf Frankreich sondern veränderte die
Disziplinien in der ganzen Welt.
Durkheim wurde durch Kant, vorallem
seine Dichotomie, Numa Denis Fustel de Coulanges` „Ancient
City“ (1864/1882) sowie die Ethnologie von W. Robertson
Smith beeinflusst [1].
Außerdem hatte er marxistische
Ansätze und knüpfte an die Aufklärung an, so stellte
er sich der Frage Rousseaus „Was ist es, was unsere
Gesellschaft zusammenhält ?“. Während Rousseau dies
mit einem „Gesellschaftsvertrag“ beantwortet, meint
Durkheim in „The Division of Labor in Society“
(1893), dass die Arbeitsteilung die Menschen in Industrieländern
voneinander abhängig gemacht hat. Er nennt diese Abhängigkeit
„organischen Solidarität“; denn das
was der „städtische“ Mensch trägt, isst,
konsumiert etc., hat er nicht selbst produziert. In Differerenz dazu
sind die wenig industrialisierten Gesellschaften, die nicht auf einer
so spezialisierten Arbeitsteilung aufbauen können, auf ein
anderes gesellschaftsverbindendes Element angwiesen. Nach Durkheim
ist dies die Religion die er als „mechanische
Solidarität“ bezeichnet. Die Folge davon ist, dass
industrialisierte Gesellschaften Religionen nicht mehr brauchen, wobei
weniger industrialiesierte Gesellschaften sehr wohl[4].
In „The Elementary Forms of
the Religious Life“ (1912/1995) schrieb Durkheim
gleichzeitig gegen beides philosophische Rationalisten und
Empiristen; gegen Psychologen, die ihren Focus auf dem Individuum
hatten; und davor gegen die Mehrheit der britischen Anthropologie der
Religion. An der britischen Schule kritisierte er vorallem den
Evolutionismus und den Intellektualismus. Seine evolutioistische
Seite ist besser in der Arbeit mit seinen Neffen Marcel Mauss zu
erkennen, Durkheim war eher gegen den Darwinismus und die britische
„Art“ des Evolutionismus[1].
Vorallem weil die britische Anthropologie die Religion als Produkt
des menschlichen Geistes und dadurch als Psychologie des Individuums
sah. Er allerdings sah das Heilige als ein Equivalent zur
sozialen Ideologie und in der Tat zur Gesellschaft an sich, als die
Verkörperung einer Palette an Werten. Gott ist seiner
Meinung nach eine Representation der Gesellschaft an sich in einer
symbolischen Art und Weise [1]. Er
behandelt hier vorallem „frühe“ Gesellschaften und
macht guten Gebrauch von der wachsenden Menge an ethnographischer
Literatur über Nordamerika und über die Aborigines.
Durkheim definiert zuerst Religion und stellt ihre soziale
Verankerung fest [2]. Das Ritual z:B
stellt für Durkheim eine Gelegenheit / Instrumentarium der
„collective representation“ dar, in welchem
die religiösen Normen, Werte, Mythen und Wertschätzungen
mit dem Sozialen in Verbindung gebracht wurden. Arnold van Gennep,
den Durkheim ignorierte, dieser aber durch ihn beeinflusst wurde, geht
genauer auf Rituale ein und stellt 3 Stufen (Verlassen des alten
Zustands / eine Übergangsphase = Liminalität in der sich
das soziale Leben verändert / das Erreichen eines neuen
Zustandes) fest [1].
Desweiteren sieht Durkheim vier
Charakteristika die Religion befähigen diese soziale Funktion zu
gestalten. Erstens, war sie zwingend und es gab unterschiedliche
Sanktionen unterschiedlicher Härte. Zweitens war sie allgemein,
im Sinne, dass sie viele Individuen zusammenbrachte und auf alle den
selben Einfluss ausübte. Drittens war sie traditionell, im Sinne
davon, dass sie schon vor dem Individuum existierte und diese auch
„überleben“ wird. Viertens; war sie außerhalb
des Individuums: nur aus diesem Grund konnte sie auf dieses
einwirken[1].
Religion unterscheidet nämlich
weiter zwischen dem „Geheiligten“ und dem
„Profanen“ und macht sich das „geheiligte“
zu ihrem Auftrag. Er zeichnet Theorien der Religion, wie Tylors
Animismus, Müllers Naturalismus und McLennans Totemismus, nach.
Er bevorzugt dabei den Totemismus und bringt seine Ideen über
die Spezifika dessen Entwicklung vor [2].
Er lehnt weiter auch die „crude Marxist“ Idee ab, dass
Ideologie einfach ein Instrument der Priviligierten über ihre
Untertanen war, weil die Priviligierten nicht weniger von der
Gesellschaft und ihrer Ideologie beeinflusst wurden – kurz
gesagt. Sie wurden auch sozialisiert [1].
Ein weiteres Werk von Bedeutung ist
„Primitive Classification“ (Durkheim und
Mauss 1963 [1912]), welches er zusammen mit seinem Neffen und
Student, Marcel Mauss schrieb. In dieser kurzen Arbeit (sie hatte
ihrer Erstpublikation als ein Artikel in „Année
Sociologique“), befassen sie sich mit der Frage wie der
menschliche Geist gliedert. Sie bewerten ethnographische Beweise der
Aborigines in Australien., von den Zuni und den Sioux in Nordamerika,
und vom taoistischen China und sie fassen zusammen, dass dort eine
enge Beziehung zwischen Gesellschaft und der Einteilung der Natur
existiert. Außerdem sehen sie eine Kontinuität zwischen
primitiven und wissenschaftlichen Denken. Die fortschrittliche Kultur
Chinas besitzt Einteilungselemente, welche die von „primitiver“
den Ureinwohnern Australiens zugehörigen Kosmologie
wiederspieglen, und sinngemäß die strukturellen
Aufteilungen der Gesellschaft der Aborigines in Australien. Es gibt
interkulturelle Ähnlichkeiten in der Einteilung von Zeit, Ort,
Tieren und Dingen – alle aufgebaut in Divisionen von zweien,
vieren, sechsen, achten und so weiter. Diese Theorie hat nicht nur
strukturfunktionalistische sondern auch evolutionistische und
strukturistische Elemente – alle beruhen auf einer genauen
Feststellung der physischen Gleichheit der Menschheit [2].
Durkheim schrieb
auch über anderen Themen wie den Selbstmord in „Suicide“
(1966 [1897]), wo er sich damit befasst wie verschiedene
gesellschaftliche Gruppen (Katholiken / Evangelisten) in Europa und
auch außereuropäische Gesellschaften (z.B Ozeanien) mit
dem Selbstmord umgehen. Desweiteren schrieb Durkheim noch „The
Rules of Sociological Method“ (1895 / 1982) Wobei die
Studien über die Religion den Großteil seiner
anthropologischen Arbeit ausmachen [4].
Mit dieser und seinen anderen Theorien
ist er neben Marx und Weber einer der wichtigsten Einflussgeber der
Sozialwissenschaften jener Zeit. Er hatte nicht nur Einfluss auf
seinen Neffen Marcel Mauss sondern auf Generationen von
Sozialwissenschftlern (Levi-Strauss, Geertz und Leach, Maurice
Halbwachs u.v. a. ) die sich unter dem Namen „Durkheimians“
treffen [1].
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vgl.
[1] Parkin, Robert: The French Speaking Countries, in: Barth,
Frederic, u.a.:One Discipline, Four Ways: British, German, French and
American Anthropologie; Chicago 2005, S.170 - 185
vgl.
[2] Barnard, Alan: History and Theory in Anthropology; Cambridge
2000, S.63-65
vgl.
[3] http://de.wikipedia.org/wiki/%C3%89mile_Durkheim
vgl.
[4] Gingrich, Andre VO WS 05/06 Einführung in die Geschichte der
Kultur- und Sozialanthropologie